Samstag, 26. Oktober 1963 Kölnische Rundschau
  Kilometerlange Höhlen und Hallen im Siebengebirge
Unscheinbare Löcher öffnen sich über tiefen Schächten

VON R. RINGKLOFF

Die Höhlen im Sieben-gebirge haben im März 1962 dem Mörder Dieter Freese, der in diesen Tagen mit seiner Bande vor dem Schwurgericht in Koblenz steht, Für mehrere Tage ein sicheres Versteck geboten, Dort hatte er sich verkrochen, dort wurde er von der Polizei durch Zufall aufgestöbert, aber nicht gefangen. Hier folgt der Schluß-bericht über die Entstehung der Siebengebirgshöhlen und ihre Nutzung- in den letzten Jahrzehnten. (Erster R-Bericht am 24. 10. 1963.)

Sprengungen

Dann kamen die ersten Nachkriegsmonate. Gewaltige Detonationen erschütterten den Berg. Die Besatzung versuchte die Anlagen zu sprengen, weil die unterirdischen Gänge als Rüstungsbetrieb auf der Demontageliste standen. Aber der Tuffstein hielt allen Sprengungen stand. Später wurden die zahlreichen Eingänge zu den Höhlen zugemauert. Neugierige brachen sie wieder auf, und so stehen die Zugänge heute noch offen.

Gefahren

Wer in die Höhlen eindringt, stellt fest, daß sie Für ahnungslose Romantiker und spielende Kinder große Gefahren bedeuten.

Denn auch die zahlreichen, ehemals mit Steinen verstellten Nebengänge sind wieder offen. Ein Gang gleicht dem anderen. Bald schon verliert der Besucher die Orientierung und findet schwerlich zum Ausgangspunkt zurück, falls er nicht den Weg mit Kreidezeichen oder Papierschnitzeln gekennzeichnet hat, oder falls die Taschenlampe versagt.

Daß in den Höhlen und Nebenhöhlen lichtscheues Gesindel Unterschlupf findet, lassen manche Spuren vermuten. Da findet man abgebrannte Lagerfeuer, leere Schnaps-, Bier- und Weinflaschen, Kerzenstummel, verrostete Messer und Bettgestelle, abgenutzte Schuhe und Kleidungsstücke.

Noch größere Gefahren als dem vorsichtigen Höhlenforscher, der sich vor seinem Eindringen in die Gänge vorsorglich ausstattet und seine Streifzüge nicht allein unternimmt, drohen dem ahnungslosen Spaziergänger, wenn er die Wälder durchstreift und sich über das Labyrinth hinwegbewegt.

Durch Zäune nur unzureichend oder überhaupt nicht geschützt, gähnt nur wenige Meter vom Weg entfernt ein Krater. Wer in das kleine Loch tritt und auf die Sohle des Kraters abstürzt, findet den Tod. Denn unter dem Loch öffnet sich ein senkrechter Stollen , der vier

Meter im Durchmesser mißt und so tief ist, daß ein Stein erst nach vier Sekunden unten aufschlägt.

Natürlicher Windkanal

Aus dem Loch zieht ein warmer Strom fauligen Modergeruchs nach oben. Der Windstrom ist so stark, daß Papierfetzen hochflattern und bis zu den Baumwipfeln emporgewirbelt werden. Ein natürlicher Windkanal also, der durch den Unterschied der Temperaturen in den Höhlen und der kälteren Luft über dem Erdboden entsteht.
In den Ofenkaulen. Gänge und Hallen sind hin und wieder kirchturmhoch. Stellenweise liegen dort noch die Schienen einer Feldbahn, mit der früher das Gestein aus dem Innern ans Tageslicht befördert wurde.
Ein Stück weiter auf dem Spazierweg, der an einer ehemaligen, nie benutzten V-Waffen-Abschußrampe vorbeiführt, gähnt ein größeres Loch. Dort führt ein ausgemauerter. viereckiger Stollen hinab, 20 Meter tief. Im vorigen Jahr wurde einem Schüler das Loch zum Verhängnis. Er stürzte tödlich ab.

E N D E

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Für diese Seiten verantwortlich: Klaus Blömeke. Letzte Aktualisierung: 28.1.2003

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