24.Oktober 1963 Kölner Stadt-Rundschau
  In den Höhlen des Siebengebirges verschwand Mörder
Dieter Freese
Turmhohe Hallen und kilometerlange Gänge ziehen sich durch die Berge

VON R. RINGKLOFF

Am 1. März 1962 war im Siebengebirge der Teufel los. Dieter Freese, der jetzt mit seiner Bande in Koblenz vor dem Schwurgericht steht, war von einem Polizeibeamten auf einem routinemäßigen Kontrollgang in einer Höhle des Siebengebirges entdeckt worden. Dorthin hatte sich Freese geflüchtet, dort hatte er sich häuslich eingerichtet. Als der, Polizeibeamte durch die Höhle schritt, glitt plötzlich eine Gestalt von einem Felsvorsprung, hielt dem überraschten Polizisten eine Pistole vor die Brust und zwang ihn, die Hände hochzunehmen. Dann riß ihm der Gangster das Koppel samt Schußwaffe ab und lief davon. Der Polizeihund, der den Beamten begleitet hatte,
hetzte dem Flüchtenden nach. Freese tötete ihn durch mehrere Schüsse. Darauf Großalarm im Siebengebirge. Mehrere Hundertschaften der Polizei umstellten das Waldgebiet und, mit Tränengas und Maschinenpistolen bewaffnet, begann die Suche. Tausend Polizeibeamten in Uniform und Zivil und mit mehreren Hubschraubern gelang es damals nicht, Freese zu stellen. Die Höhlen geben weiter Rätsel auf. Hier nun beginnt unsere Kurzserie. Wie sind die Höhlen entstanden? Was bedeuten sie in der Siebengebirgslandschaft? Wann wurden sie aufgegeben? Die Antwort findet der R-Leser in der Reportage: In den Höhlen des Siebengebirges...
Es gibt wohl kaum ein Höhlensystem im Bonner Raum, das neben seiner geologischen Bedeutung eine so vielschichtige Vergangenheit aufweist, wie die sogenannten Ofenkaulen im Siebengebirge, ein ausgedehntes Höhlenlabyrinth an der Straße von Königswinter nach Ittenbach, gegenüber dem Petersberg. Ursprünglich als Fundstelle f'ür das Material der Backofenbauer in Königswinter angelegt, wurden sie in den folgenden Jahrzehnten auch als geheimer Rüstungsbetrieb genutzt, eine Champignonzucht wurde darin angelegt, Wissenschaftler machten geologische Exkursionen, und Pfadfinder fanden dort romantische Tummelplätze; schließlich tauchte auch lichtscheues Gesindel in den Höhlen unter, und endlich ein Mörder, Dieter Freese, der nun in Koblenz vor seinen Richtern steht. Durch die Jagd nach Dieter Freese erhielt die Höhle im vorigen Jahr eine traurige Berühmtheit.

... sind kaum bekannt

Für den Autofahrer und den Fußgänger, der die Straße von Königswinter nach Ittenbach benutzt, sind die Eingänge zu dem Höhlenlabyrinth, die in mehreren Stockwerken übereinander gestaffelt liegen, kaum zu erkennen.
Sie sind verdeckt von Gestrüpp und Geröllhalden. Der Ortsunkundige würde nie vermuten, daß sich hinter diesen Halden die Eingänge zu kilometerlangen Höhlen befinden,' die sich ostwärts von Königswinter durch die Berge ziehen.
Nur einigen wenigen ist das Höhlensystem in seiner gesamten Ausdehnung bekannt, zumal zahlreiche Nebengänge im Laufe der Jahrzehnte eingefallen sind und die meisten Eingänge zugemauert oder verschüttet wurden. .
Am bedeutungsvollen sind die Höhlen Für ein ehemals in Königswinter blühendes

Handwerk gewesen: Für die Backofenbauer. Vor 60 Jahren soll es noch etwa 350 in der Drachenfelsstadt gegeben haben. Durch den Backofenbau sind die Höhlen entstanden, in einem Zeitraum von mehreren Jahrhunderten.

In den Pfeiler-Hallen

250 Jahre hindurch haben die Backofenbaucr den Tuffstein aus der Tiefe des Siebengebirges geholt. Immer weiter drangen sie in den Berg ein und versuchten, an den porösen, feuerfesten Naturstein heranzukommen und ihn zu brechen. In transportable Blöcke geschnitten, wurde die Steinerde in die Werkstätten des benachbarten Königswinter gebracht.

Damit die riesigen unterirdischen Hallen, die in mehreren Stockwerken übereinander entstanden sind, nicht einstürzen konnten, ließen sie gewaltige Pfeiler aus Naturstein stehen. Für den, der zum erstenmal die unterirdischen Gänge betritt, ein imponierender Anblick.

Übrigens wurde der Tuffstein bis zuletzt ausschließlich mit der Hand gebrochen und bearbeitet. Mit dem Meißel wurden Schlitze in den porösen Fels geschlagen und auf diese Weise große Blöcke abgetrennt. Sie wurden mit Winden und Rollen ins Freie geschafft und dort zu maßgerechten Steinen zerschnitten.

Es gibt heute noch Bäcker, die behaupten, daß Backöfen aus Tuffstein weniger Brennstoff brauchen, besser durchbacken und deshalb wirtschaftlicher seien, als es die. heutigen Erzeugnisse dieser Art sind.
Draußen war es kalt, als wir trotz "Warnung vor Selbstschüssen" die Unterwelt betraten. Aus den riesigen Hallen und kilometerlangen Gängen, die

rund 50 m unter den Berg hindurchgezogen sind, schlug uns eine mollige Wärme entgegen. Ob Winter, ob Sommer, die Temperatur in den unterirdischen Hallen bleibt gleichmäßig zwischen 9 und 12 Grad Celsius.
Die Vorzüge der Temperatur-Verhältnisse erkannte ein Backofenbauer aus Königswinter, als dieser Handwerkszweig schon lange nicht mehr die einstige wirtschaftliche Bedeutung besaß. Noch im Alter von 70 Jahren machte sich dies der Backofenbauer -sein Name: Theodor Rings- zunutze und begann in der feuchten Treibhausluft, in der natürlichen Dunkelheit und in dem durch Pferdemist angereicherten Nährboden, Champignons zu züchten.
So entstanden in den Kaulen ausgedehnte Pilzkulturen, die ohne Rücksicht auf die Jahreszeit geerntet wurden und draußen gefragt waren.

Geheimer Rüstüngsbetrieb

Wieder einmal standen die Ofenkaulen im Mittelpunkt, als in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges bombensichere Unterkünfte Für kriegswichtige Industrien gesucht wurden. Bei Nacht und Nebel brachte man die Einrichtung einer aus Polen evakuierten Fabrik Für Flugzeugteile in den Berg und installierte einen Rüstungsbetrieb, der Saugpumpen Für Jagdflugzeuge herstellen sollte. Zur Produktion kam es nicht mehr. Als alle Anlagen eingerichtet waren und die Fertigung anlaufen konnte, stand der Amerikaner vor dem Eingang.
Für die vielen ausländischen Arbeiter, die in den Stollen untergebracht waren und den Betrieb aufgebaut hatten, bedeutete dies die Freiheit.
Fortsetzung folgt

Home


Für diese Seiten verantwortlich: Klaus Blömeke. Letzte Aktualisierung: 28.1.2003

Suchmaschinenoptimierung