entnommen aus: Vor 50 Jahren: Kriegsende im Siebengebirge1996 (S. 32-45), zur Sonderausstellung des Siebengebirgsmuseums;

Herzlichen Dank an Elmar Scheuren!

Ein unterirdischer Rüstungsbetrieb

Durch die zunehmende Luftüberlegenheit der Alliierten sind vor allem auch Rüstungsbetriebe gefährdet, die das bevorzugte Ziel von Bombardierungen werden. Zur Aufrechterhaltung des Nachschubs werden daher viele besonders kriegswichtige Betriebe an sichere Orte verlegt - vorzugsweise in Bergwerke. Die Planung und Organisation dieser "U-Verlegung" liegt beim Rüstungsstab des Reichswirtschaftsministeriums.

In einer späten Phase wird hiervon auch das Siebengebirge betroffen. Ab August 1944 (Beschlagnahmung) wird die vollständige Produktion der Firma "Aero-Stahl" aus Porz bei Köln und Andrichau/Polen, wohin Teile der Produktion bereit s um 1941 verlagert worden waren, hierher verlegt. Die Unterbringung erfolgt in einem Teil der weitläufigen und größtenteils aufgegebenen unterirdschen Backofensteinbrüche im "Ofenkaulberg". Nach umfangreichen Vorbereitungen kann Ende 1944 die Produktion aufgenommen werden. Hergestellt werden von dieser Firma Einspritzpumpen Für Flugzeugmotoren ("BMW 801"). Dieses Produkt stellt höchste Anforderungen an die Präzision der Fertigung. Dementsprechend kompliziert sind daher die Produktionsabläufe mit Hilfe eines großen Maschinen-parks.

Zur Unterbringung der Fabrik wird ein weitläufiges Stollen-system zunächst ausbetoniert und mit den nötigen Installationen versehen. Die Durchführung dieser Arbeiten übernimmt die "Organisation Todt" - unter Einsatz vieler Fremdarbeiter und Kriegsgefangener, die später auch einen großen Teil der Arbeitskräfte der Fabrik stellen.

Nach dem Krieg werden die wertvollen Maschinen im Zuge der "Demontage" von den Besatzungsbehörden beschlagnahmt und abtransportiert. Anschließend werden die verbleibenden Anlagen durch umfangreiche Sprengungen zerstört.

Königswinter:

23.8.1944: Am Rhein scheint man auch gewisse Vorbereitungen zur Verteidigung des rechten Rheinufers getroffen zu haben. Auf der Fähre von Königswinter nach Mehlem begegnet man zu gewissen Zeiten regelmäßig Trupps von italienischen Gefangenen (Badoglio-Anhängern), die Erdarbeiten im Siebengebirge verrichteten. In den nächsten Tagen sollen 500 gefangene Juden aus Rumänien, Ungarn, Galizien usw. in Königswinter eintreffen, um dort ebenfalls Erdarbeiten zu verrichten.

(von Weiss)

Königswinter:

In der Backofenkaule von Theodor Rings hatte schon 1944 die Firma Aerostahl aus Porz damit begonnen, einen unterirdischen Rüstungsbetrieb einzurichten, in dem Flugzeugteile (Öldruckpumpen Für Dieselflugzeuge) hergestellt werden sollten. Die Fabrikation ist nicht mehr richtig in Gang gekommen, weil das Kriegsende zu schnell heranrückte. Viele Ausländer waren dort beschäftigt. Morgens in aller Frühe sah man sie unter Führung der O.T. (Organisation Todt) von Königswinter, wo sie zunächst im Saale des Hotels Rheingold in der Drachenfelsstraße und in den Kellerräumen des DAF-Neubaues am Rhein untergebracht waren, ins Gebirge ziehen. Später entstand ein Dorf von Baracken oben um die Kaule.

(Johannes Buchholz, zitiert nach "Echo ..." 1965, 13.3.)

Bericht von Fernando Ronchetti

Fernando Ronchetti, geboren 1923 in Rom, lebt heute in Wien.

Seine künstlerische Ausbildung zum Maler wurde durch den 2. Weltkrieg unterbrochen, den er - von 1938 bis 1942 - als Offizier der italienischen Kriegsmarine und anschließend - bis 1945 - als Kriegsgefangener in Deutschland erlebte. Bis zum Ende des Krieges arbeitete er bei der Firma "Aero-Stahl", die im letzten Kriegsjahr in das Bergwerk der "Ofenkaulen" im Siebengebirge verlegt wurde.

Der im folgenden auszugsweise wiedergegebene Bericht wurde 1988 niedergeschrieben. Anlaß war ein Besuch von Frau Ronchetti in Königswinter - dabei auch im Siebengebirgsmuseum - und ein sich daraus ergebender Schriftwechsel. Ronchetti selbst besuchte im Jahre 1991 Königswinter und die Schauplätze seiner früheren Zwangsarbeit. Aufgrund der stark veränderten örtlichen Situation konnten in diesem Zusammenhang aber nur wenige Details des Lagerlebens und der Betriebsstruktur der Fa. "Aero-Stahl" erhellt werden.

(Übersetzung aus dem Italienischen: Bernhard Straub)

Königswinter 1945

Von Köln kam ich mit einer großen Gruppe italienischer Kriegsgefangener Ende September 1944 nach Porz-Urbach. Auf dem Lastzug, der das große Verteilerlager von Köln verließ, saß die ganze Gruppe der Gefangenen - in den letzten Monaten des Jahres 1944 "internierte" italienische Militärs, wobei die Bezeichnung "interniert" eine rein formale Unterscheidung darstellte. Voller Neugier und Furcht erwarteten wir den neuen Arbeitsplatz. Die einzige Bitte zu Gott war, daß uns der Bergbau erspart bleiben möge, ansonsten war uns jede Art von Arbeit willkommen. Nach einem etwa einstündigen "Ausflug" war der LKW am Ziel und lud in der Fabrik das neue Menschenmaterial aus. (...)

Die Fabrik war Für damalige Verhältnisse hoch technisiert und brauchte qualifizierte Arbeitskräfte. Für uns, die wir Monate harter Arbeit hinter uns hatten, war es wirklich und wahrhaftig ein Paradies. Hier wurden wir nicht, wie in der Vergangenheit, zu Sklaven reduziert. (...)

Die Bomben fielen bei Tag und bei Nacht. Luftalarm war unser gewohntes Konzert. Man durfte den Arbeitsplatz verlassen und in die Bunker im Innern der Fabrik laufen, wenn die Bombeneinschläge eine gewisse Lautstärke und Nähe erreichten. Die Entscheidung darüber lag bei der Direktion. (...)

Die Bomben trafen die Fabrik nie schwer. Aber eben die beständige Gefahr war der Grund Für die vielen Gerüchte, die unter uns Ausgestoßenen kursierten. Man sprach von dem bevorstehenden Umzug der Fabrik an einen vor Bomben sicheren Ort. So weit die Nachrichten, die im Lager zirkulierten. Die Fabrik "Aero-Stahl" war von großer Bedeutung Für die deutsche Luftwaffe. Sie nahm eine Schlüsselstellung innerhalb der deutschen Rüstungsindustrie ein. Die Bomben der Amerikaner und Engländer brachten Tod und Zerstörung. Köln war ihr erklärtes Ziel und von Porz aus sahen wir die Folgen am Himmel, der sich im Feuerschein rötete.

Der Krieg, das verfluchte Ungeheuer, näherte sich sogar den Grenzen Deutschlands. Dank "Radio Lager" konnten wir auch Nachrichten über die Ereignisse in der Außenwelt erhalten. "Radio Lager" nannten wir die Quelle der Nachrichten, die von Mund zu Mund weitergegeben wurden. Die Nachrichten waren gewiß fragmentarisch, aber etwas drang immer durch den Stacheldraht. Wir erfuhren, was in Italien geschah, wie die Operationen der deutschen Wehrmacht an der russischen Front verliefen und wie der Vormarsch der Alllierten in Frankreich vorwärtsging. (...)

Über "Radio Lager" erfuhren wir mehrere Tage vor der offiziellen Bekanntgabe vom Umzug der Fabrik. Eines jener Gerüchte, das unsere Tage mit schönen Träumen erfüllt hatte, nahm greifbare Gestalt an: Die Fabrik transportierte ihren Maschinenpark an einen anderen Ort, alles mußte verpackt und auf LKW's verladen werden. So lautete der Befehl, den die Direktion an alle Abteilungsleiter ausgab.

Der Umzug stieß auf zahlreiche unvorhergesehene Schwierigkeiten, obwohl es um nichts anderes ging, als von Porz mit den Lastzügen aufzubrechen oder dorthin zurückzufahren, wenn sie in Königswinter - so hieß der neue Standort - entladen worden waren. Die Straßen waren meist von Bombenkratern übersät und unpassierbar. Die Transporte mußten anhalten und alle Mitglieder der Transportmannschaft mußten die Straße in Ordnung bringen, d.h. Steine und Erde herbeischaffen oder auch Felsbrocken und entwurzelte Bäume wegräumen. Dazu kam die Wetterlage: Regenfälle machten den Hang, wo entladen wurde, zu einem wahren Sumpf. Fahrzeuge und Menschen blieben im Schlamm stecken, was die ganze Operation enorm verzögerte. Der Transport war jedesmal ein echtes Abenteuer. Jeden Augenblick tauchte Unvorhergesehenes auf und mußte bekämpft werden.

Ich nahm nur an zweien dieser Transporte teil, denn neben meiner Arbeit im Lager mußte ich mit anderen zusammen das Material vorbereiten, das tags darauf transportiert werden sollte. Das Kommando der Transportmannschaft hatte Francesco Giordani, der aus Bologna stammte ("Cesco" hieß er gewöhnlich). Er studierte schon im zweiten Jahr an der chemischen Fakultät, hegte aber eine große Leidenschaft Für das Theater und hatte die Absicht, Stücke zu schreiben. Im Gefangenenlager von Porz wohnte ich mit ihm und Giuseppe Santojanni in einer Baracke zusammen, deshalb kannte ich ihn gut. (...)

Da Cesco den neuen Standort kannte, bat ich ihn eines Tages um seine persönliche Meinung darüber. Sein Urteil über diese Hügel gegenüber von Bonn und den Ort namens Königswinter war vernichtend. Die Fahrten waren Für ihn und seine Kameraden keine Ausflüge, sondern permanente Schwerstarbeit, denn es gab keine Möglichkeit, sich von Kälte und Regen zu erholen und im Schlamm verloren sie mit ihren Holzschuhen ständig das Gleichgewicht und fielen in den Dreck. Über den Ort selbst sagte er: "Das ist Für uns Gefangene ein Grab, es ist zu feucht. Man müßte genug zu essen haben und wollene Kleidung tragen. Wer soll uns das wohl geben? Wer von uns hat Gummistiefel, damit er sich in diesem Schlamm vorwärtsbewegen kann? Mich bringt keiner dorthin, nicht einmal tot!" (Dieses Urteil von ihm hat sich mir ins Gedächtnis eingegraben). Sollte Königswinter eine erneute Tortur werden?

Ab September 1944, so hieß es, begann die Organisation TODT, ein seit langem aufgegebenes Bergwerk unterirdisch auszubauen, so daß es einen großen Teil der "Aero-Stahl" aufnehmen konnte. (...)

Die TODT-Arbeiter waren zumeist Russen, aber es waren auch etliche italienische Kriegsgefangene darunter. Auf einer der Fahrten, die ich mitmachte, hatte ich Gelegenheit, sie kennenzulernen und ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Solchen menschlichen Ruinen war ich noch nie begegnet. Sie waren eine Art Parias, die kaum einer vergessen wird, der sie einmal gesehen hat. Im Vergleich zu ihnen fühlte ich mich als Privilegierter. Sie waren unsäglich heruntergekommen; ihre Kleidung erinnerte nicht im geringsten an so etwas wie eine Uniform, sondern bestand aus Lappen und Fetzen, ebenso dreckverschmiert wie ihre Gesichter. Sie schienen keinen Sinn mehr Für Sauberkeit zu besitzen und nicht mehr zu wissen, was ihre Haut war und was die Dreckschicht, die darüberlag. Ich besaß keinen Spiegel, um zu wissen, wie ich aussah, aber ich hatte sehr wohl das Gefühl, bestens gekleidet zu sein. (...)

Wir hofften, daß Königswinter das letzte Glied der Kette sein würde, die uns seit Monaten das Leben schwer machte und uns völlig von der Welt isolierte. Aber das letzte Glied - wenn es das sein sollte - erwies sich als unheimlich und voller Heimtücke. Als ich mit der Transportmannschaft hinfuhr, machte schon der Platz vor dem Bergwerk auf mich tiefen Eindruck. Cesco hatte keinesfalls übertrieben. (...)

Vor dem Eingang der Fabrik, die mit Sprengstoff und unendlichem menschlichem Arbeitsaufwand geschaffen worden war, war der Lehm festgestampft und mit Kies bedeckt. Dort machten wir halt. Erstaunt betrachteten wir die etwas mysteriöse Umgebung. Dann befahl man uns, auf einem Weg weiterzugehen, der sich links vom Fabrikeingang den Berg hinaufschlängelte.

Auf einer fast ebenen Erdrampe, die vielleicht mit dem Material aus dem Inneren des Tunnels aufgeschüttet oder vergrößert worden war, standen die Baracken. Ein kleines Dorf unter Bäumen. Wir Italiener wurden auf der Ostseite, die dem Wald zugewandt war, untergebracht. Die anderen Baracken, die um einen Platz herum standen, wurden von Tschechoslowaken, Holländern, einigen Russen und ein paar Belgiern belegt. Die Mädchen waren mit hohen Drahtverhauen vom übrigen Lager abgeschnitten. Wenn ich mich recht erinnere, dürfte das Königswinterer Lager weit mehr als zweihundert, wenn nicht gar dreihundert Menschen beherbergt haben. (...)

Der Eingang war gut getarnt. Ein riesiges Netz, bedeckt mit Blättern und synthetischen Bäumen, spannte sich über den freien Platz und verbarg ihn. Selbst vom Berg herab, wo unsere Baracken standen, war es Für uns schwer, auszumachen, wo das "Drachenmaul" (so hatten wir den Eingang genannt), lag. Drinnen brauchten wir uns wegen der Kälte keine Sorgen zu machen. Gewaltige Heizanlagen verbreiteten überall Warmluft. Man konnte in jeder Abteilung arbeiten, ohne beFürchten zu müssen, daß einem die Hände erfroren.

Das "Bergwerk" bestand im Prinzip aus einem langen Gang, über den man die verschiedenen riesigen, ca. zweihundert Quadratmeter großen Räume erreichte, alle mehr oder weniger auf gleichem Niveau und von derselben Größe. In diesen taghell erleuchteten Räumen standen die Maschinen und Menschen. Der Motorenlärm war ohrenbetäubend. Der gesamte Estrich war eben wie ein Billardtisch, damit die Maschinen mit größtmöglicher Präzision arbeiteten. (...)

Im übrigen bewegten wir uns in einer scharf kontrollierten Zone, deren Betreten Fahrzeugen und Personen ohne Genehmigung strikt verboten war. Die Welt der Internierten und Gefangenen, die in der Fabrik arbeiteten, das war dieser Raum; ein paar hundert Quadratmeter, dazu der Raum zwischen den Baracken und der Fabrik und der Weg zur Küche. Zwölf Stunden lang befanden wir uns ausschließlich unter der Erde, sortierten Material, bedienten Maschinen, feilten, montierten und erledigten tausend andere Sachen. Wir verließen die Baracke gegen sechs Uhr morgens und kehrten nach zwölf Arbeitsstunden zurück. Die Baracken waren ganz anders gebaut als in Porz. Niedrig und so abgeteilt, daß je fünfzehn Personen einen eigenen Eingang, einen eigenen Ofen und einen eigenen Tisch hatten.

Sonne und Tageslicht konnten wir selten genießen. Wir nutzten den Sonntagvormittag, um zu einem Bach hinunterzusteigen, unsere Sachen zu waschen oder frisches Wasser zu holen. Dabei war ein Polizist anwesend. Die einzige Gelegenheit, tagsüber an die frische Luft zu kommen, bot sich beim Be- und Entladen eines LKW's. Material kam ständig an, manchmal auch Nachschub an Brot, Kartoffeln und Margarine. Es wurden keine Maschinenpistolen auf uns gerichtet, aber die leeren Mägen knurrten. Neben Kälte und Feuchtigkeit war der Hunger eine ständige Qual.

Ein Fußweg führte rechts vom Eingang an der Bergflanke entlang zu den Küchen. Ein wenig weiter und man erreichte einen baumlosen Platz, wo sonntagnachmittags trockene Äste Für den Ofen gesammelt werden durften. Von dort aus konnte man das ganze Rheintal überblicken und bei gutem Wetter hatte man einen weiten Blick ... - in Richtung unserer Sehnsucht. (...)

Die Arbeit wurde immer anstrengender. Unter unseren Vorarbeitern breitete sich eine gewisse Nervosität aus, vielleicht fühlten sie den nahen Zusammenbruch der deutschen Wehrmacht. In der Fabrik kam es immer häufiger zu Kontrollen von Polizei oder Militär. Vielleicht hatten die Behörden vor etwas Angst. Unser größtes Problem war der Hunger, der jede Kleinigkeit zu einem Drama machte. Unsere geschwächten Körper reagierten immer langsamer, unsere Reflexe waren beinahe erloschen. (...)

Unsere Kleidung bestand mehr oder weniger aus Lumpen. (...) Notdürftig geflickte Lappen, abgetragene, verblichene, schmutzige Pullover, Fußlappen, um die Füße nicht ständig an den immer lauter dröhnenden, immer schwerer werdenden Holzschuhen aufzuscheuern. Militärbarette zu Mützen mit Ohrenklappen umfunktioniert, Handschuhe aus alten Decken mit Draht zusammengehalten, da Nadel und Faden fehlten. (...) Uniformen in Fetzen, oder Holzschuhe, die unsere armen Füße mißhandelten, das alles war weit entfernt, uns Sorgen zu machen. Nur der Hunger, das war unser ständiges Problem. (...)

Der Februar ging zu Ende und hinterließ uns die ständige Feuchtigkeit, aber weniger Kälte. Die Nachrichten von draußen, die "Radio Lager" verbreitete, ließen uns sicher hoffen, daß wir keinen weiteren Winter in Königswinter aushalten mußten. Diese Meinung wurde auch von den überzeugtesten Pessimisten geteilt. (...)

Um den 6. März wurde im Bergwerk ein deutsches Heereskommando eingerichtet. Direkt am Eingang wurde ein Raum Für die Soldaten reserviert, wo sie mit ihren Funktelefonen, undefinierbaren Maschinen, Funkgeräten und einem Gewirr von Kabeln hausten. (...) Wir durften während der halbstündigen Pause nicht mehr an die frische Luft gehen. Warme Suppe gab es fast nicht mehr, nur die tägliche Ration von 350 Gramm Brot war noch gesichert.

Aus Strommangel wurde immer weniger gearbeitet; die Feuchtigkeit im Bergwerk nahm immer mehr zu. Es zu verlassen und zu den Baracken zu gehen war ein riskantes Unternehmen. Nachts, eingeschlossen in die Baracken und ununterbrochen bewacht, wurden wir fast taub durch die ständigen Explosionen. Ganz in der Nähe der Fabrik spuckte die deutsche Artillerie großkalibrige Geschosse aus, die pfeifend nach Bonn hinüber flogen. (...)

Spät am Abend des 10. März verließen wir die Baracken, um nicht von der amerikanischen Luftwaffe, die schon absolute Herren am deutschen Himmel waren, angegriffen zu werden. Wir wurden in den Wald getrieben, der ein paar Schritte vom Dorf begann. Wir marschierten nach Osten. Als die deutschen Arbeiter von unserem dramatischen Exodus erfuhren, sagten sie zu möglichst vielen Gefangenen und Internierten: "Versucht zu fliehen und versteckt euch im Wald! Hier bekommt ihr von uns jede Hilfe." (...)

Am Abend des 10. März begannen wir, von Soldaten und Hunden getrieben, den Marsch in den Wald. Das Kommando wollte so schnell wie möglich einen bestimmten Ort erreichen, um die Zahl der Deportierten besser kontrollieren zu können. Vorwärtsgetrieben von Gewehrläufen und ohrenbetäubenden Kommandos wie "Tempo! Tempo!" gingen wir in die Dunkelheit hinein, die immer gefährlicher wurde. Wenn die Soldaten schwiegen, verbellten uns die Hunde, darauf abgerichtet, Gefangene vorwärtszutreiben. Zusätzlich zu Hundebissen, plötzlichen Peitschenhieben oder Stößen mit dem Gewehrkolben Fürchteten wir, in einen der vielen Schächte zu fallen, von denen es überall welche gab. Wirkliche Todesfallen Für jemand, der sich nachts im Wald vorwärtsbewegte! Die Soldaten mit ihren Stablampen waren nicht in Gefahr; sie wußten, wohin sie die Füße setzen mußten. Wir gingen, ohne etwas zu sehen und orientierten uns an den Lichtstrahlen, die ab und zu den Weg zeigten.

In tiefer Nacht unternahm ich mit zwei anderen Freunden die Flucht: Mit Peppino und einem Jungen aus Venedig. Der Wald bot viele Verstecke. (...) Die Flucht war ein offensichtliches und gut kalkuliertes Risiko. Wir versuchten es. Alles war uns günstig. Hinter einem Busch versteckt erwarteten wir den Tagesanbruch.

Dann gingen wir in Richtung Bergwerk. Die Einwohner von Königswinter waren dabei, ihre Häuser zu verlassen und mit ihren Sachen und ihren Hoffnungen ins Bergwerk überzusiedeln. So war es nicht nur unser Ziel, sondern auch das von Leuten, die nichts mit der Arbeit der Fabrik zu tun hatten. Dort angekommen, stellten wir fest, daß wir nicht die einzigen waren, die die Flucht riskiert hatten. Es waren mehrere von uns. (...)

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Für diese Seiten verantwortlich: Klaus Blömeke. Letzte Aktualisierung: 28.1.2003

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