14.9.2000 General-Anzeiger Bonn

Ein Kilo Brot musste Für fünf Tage reichen

Auch in Königswinter schufteten Verschleppte Für die NS-Kriegswirtschaft - Drei Polinnen besuchten am Donnerstag die Ofenkaulen, in denen sie Stahl Für Flugzeugteile bearbeiteten

Von Gabriela Quarg

Königswinter. Ihre Erinnerungen an Königswinter sind geprägt von Hunger, Leid und Schmerz: Valentyna Kaczewiak, Zofia Ptaszynkska und Edyta Baczenska aus Polen waren von August 1944 bis zum Kriegsende als Zwangsarbeiterinnen im ehemaligen Bergwerk der Ofenkaulen zwischen Petersberg und Wolkenburg eingesetzt. Dort war damals, zum Schutz vor Luftangriffen, ein Rüstungsbetrieb der Firma "Aerostahl" untergebracht. 55 Jahre nach ihrer Befreiung durch die alliierten Truppen kehrten die drei Frauen jetzt auf Einladung des Kölner NS-Dokumentationszentrums an die Stätte ihres Leidens zurück.

Erstes Bild Mehr als 50 Jahre nach Flucht und Befreiung besuchten die drei Polinnen Königswinter. Dorthin hatten sie einst die Nazis verschleppt. Foto: Frank Homann


400 Menschen verschiedener Nationalitäten lebten und arbeiteten in den letzten Kriegsjahren unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Ofenkaulen. Das Zwangsarbeiter-Lager bestand aus einfachen Holzbaracken, in denen jeweils 20 Frauen oder Männer auf engstem Raum zusammengepfercht waren. Als Betten dienten Pritschen aus Holz und Stroh. Das Essen sei sehr schlecht gewesen, erinnerten sich die Frauen, ein Kilo Brot musste Für fünf Tage ausreichen. Abends habe es zusätzlich eine kleine Portion Margarine und Rübenkraut gegeben, mittags eine dünne Suppe. Fließendes Wasser sei Für die Zwangsarbeiter nicht vorhanden gewesen, auch keine sanitären Einrichtungen. Eine große Gemeinschaftstoilette befand sich außerhalb des Lagers bei der Fabrik.

So hart und unmenschlich wie die Lebensbedingungen war auch die tägliche Arbeit in der Fabrik. Zwölf Stunden wurde ohne Unterbrechung geschuftet, von 30 Minuten Mittagspause abgesehen. Die jungen Frauen mussten an Schleifmaschinen kleine Metallteile Für Flugzeuge bearbeiten. Es gab daFür weder Brillen noch Handschuhe. Unter dem Mangel an Schutzvorkehrungen hat Valentyna Kaczewiak noch heute zu leiden: Bei der Arbeit hat sie Metallsplitter in ein Auge bekommen, das seitdem blind ist.

Zofia und Valentyna waren gerade 24 und 23 Jahre alt, als sie in ihrer polnischen Heimat auf der Straße aufgegriffen und zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden. Edyta, die jüngste im Bunde, musste bereits im Alter von 14 Jahren Für die NS-Kriegswirtschaft schuften: Die Firma Aerostahl hatte auch eine Niederlassung in Polen. Hals über Kopf wurde die Belegschaft dann eines Tages nach Deutschland beordert, Edyta von ihren Eltern und der Schwester getrennt.

Abenteuerlich war auch die Heimkehr der drei Frauen: Valentyna floh im Januar 1945 in einer Nacht- und Nebelaktion aus Königswinter, die beiden anderen wurden von den amerikanischen Truppen befreit. Über das Auffanglager Brauweiler - Zofia lernte dort ihren Ehemann kennen - ging es zurück nach Polen. Dort fanden auch die Familien wieder zusammen.

Die drei Frauen haben wenig Hoffnung, Für ihre geleistete Arbeit finanzielle Entschädigungen zu bekommen. "Es ist sehr schwierig", erklären sie: "Wir müssen genaue Beweise erbringen, die wir nicht haben, da es auch die Firma nicht mehr gibt". Sie hoffen jetzt auf Mithilfe der Stadt Königswinter. Vizebürgermeisterin Gisela Gärtner versprach, zu prüfen, was man tun könne.

Der Besuch der drei Zwangsarbeiterinnen fand auf Einladung der Stadt Köln. Dort wird das Programm koordiniert, das im Rahmen der Bemühung um Wiedergutmachung veranstaltet wird. "Es geht uns nicht nur darum, die Geschichte aufzuarbeiten, sondern auch darum, die Leistung der ehemaligen Zwangsarbeiter zu würdigen, die 50 Jahre darauf gewartet haben, überhaupt registriert zu werden", erklärt Christian Welke von der Projektgruppe "Messelager", die das Besuchsprogramm ins Leben gerufen hat. In Königswinter stand Für die drei ehemaligen Zwangsarbeiterinnen neben dem Besuch der Ofenkaulen auch eine Führung durch das Siebengebirgsmuseum auf dem Programm.

(14.09.2000)

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Für diese Seiten verantwortlich: Klaus Blömeke. Letzte Aktualisierung: 28.1.2003

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